Fachkräftemangel, die Zweite: Nun sollen Unternehmen die Schuld tragen.
Zum wiederholten Male in diesem Sommer ist der Fachkräftemangel in Deutschland Thema (STRATEGAM.de berichtete im Mai >>>). Koalition und Regierung wetteifern um Ideen, wie dem Fehlen qualifizierter Arbeitskräfte in bestimmten Branchen Herr zu werden sei: Während die FDP die Vorrangprüfung abschaffen möchte, um den Einstieg ausländischer Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern in den deutschen Arbeitsmarkt zu erleichtern, schlägt die CDU vor, entsprechende Arbeitskräfte innerhalb der EU zu rekrutieren. Alle Ansätze ähneln sich vor allem darin, dass sie kurzfristige Notlösungen für ein langwieriges Problem sind, das in der deutschen Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik wurzelt.
Die Idee, mehr eigene Fachkräfte auszubilden und sie dann im Land zu halten, ist gar nicht Teil der aktuellen Debatte – wie auch, wenn ihre Auswirkungen erst innerhalb von Jahrzehnten sichtbar würden. Es müssen schnelle Erfolge her – doch dass diese auf Dauer keine Lösung sind, interressiert zur Not der Stunde niemanden. Mit Vorliebe wird nun den Unternehmen selbst, die doch am meisten unter dem Fachkräftemangel leiden, die Schuld in die Schuhe geschoben: Mit verfehlter Einstellungspolitik sorgten sie selbst dafür, dass im Grunde begehrte Stellen unbesetzt blieben. "Viele Unternehmen sehen Ausbildung und Fortbildung vor allem als Kostenfaktor“, beschwert sich Heiner Minssen vom Institut für Arbeitswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum.
Der Bund Deutscher Unternehmensberater (BDU) sieht das anders. Anläßlich eines Fachkräftegipfels der Bundesregierung mit Vertretern von Wirtschaft und Gewerkschaften auf Schloss Meseberg erklärte BDU - Präsident Antonio Schnieder kürzlich in Berlin: „Die Regierung muss sich in Fragen der Zuwanderung von Fachkräften und beim Bleiberecht von ausländischen - vor allem außereuropäischen - Hochschulabsolventen deutlich schneller und umfassender bewegen. Wir erleben doch bereits jetzt, dass qualifizierte Mitarbeiter aufgrund der demografischen Entwicklung in manchen Berufen oder Regionen zur Mangelware geworden sind. Wenn nicht gegengesteuert wird, steht für mehr und mehr Unternehmen in der deutschen Industrie und Wirtschaft die Wettbewerbsfähigkeit auf dem Spiel. Gerade in globaler Hinsicht wird der Druck durch chinesische oder indische Konkurrenz merklich zunehmen. Dem können wir nur durch unsere Innovationsfähigkeit begegnen. Vor diesem Hintergrund ist es fast fahrlässig zu nennen, wenn wir den an unseren Hochschulen ausgebildeten Ausländern noch immer viele Steine beim Bleiberecht in den Weg legen. Wir können uns schlicht und einfach nicht mehr erlauben, diesen hochqualifizierten Fachkräften keine oder nur mangelnde Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland zu bieten."
Ähnliche Ansätze gibt es auch von Seiten der Politik. Doch kursieren höchst unterschiedliche Konzepte dazu, wie man die drohende Lücke mit qualifizierten Spezialisten schließen kann. Auch die Vorstellungen zwischen Bundesregierung, Unternehmen und Gewerkschaftern liegen teilweise weit auseinander.
Die FDP fordert, die sogenannte Vorrangprüfungin sämtlichen Branchen abzuschaffen. "Jetzt fehlen vielleicht Ärzte und Ingenieure, morgen fehlen jedoch Fachkräfte in weiteren oder anderen Feldern", sagte Liberalen-Fraktionschef Rainer Brüderle dem "Hamburger Abendblatt". Bisher müssen Hochqualifizierte aus Nicht-EU-Staaten ein Mindesteinkommen von 66.000 Euro vorweisen, damit sie in Deutschland eine Arbeit aufnehmen dürfen. Diese Grenze will Brüderle deutlich senken. "Es ist illusorisch zu glauben, dass Fachkräfte gerade am Anfang ihrer Karriere diese Gehälter verdienen. Daher ist eine Absenkung auf 40.000 Euro geboten", sagte er.
Die CSU lehnt eine Änderung des Zuwanderungsrechts hingegen ab. Der CSU-Wirtschaftsexperte Georg Nüßlein sagte der "Berliner Zeitung": "Wir brauchen da keine Änderung." Die von der FDP und Teilen der Union geplante Senkung der Gehaltsgrenzen sei nicht nötig. "Wer das will, will keine Fachkräfte holen, sondern billige Arbeitskräfte", sagte er.
Die CDU schlägt vor, sich innerhalb der EU nach Fachkräften umzusehen. Der stellvertretende Unionsfraktionschef Michael Fuchs forderte die Bundesregierung auf, insbesondere in Spanien auf Fachkräftesuche zu gehen. "Spanien mit seiner extrem hohen Jugendarbeitslosigkeit hat für den deutschen Arbeitsmarkt hohes Rekrutierungspotenzial", sagte er dem "Hamburger Abendblatt". "Deutschland könnte gezielt junge Spanier mit Deutschkursen in Goethe-Instituten auf ein Berufsleben in Deutschland vorbereiten."
So weit, so gut. Zumindest beweist das Aufleben der Debatte überdeutlich, wie fehlgeleitet die Angstnachrichten über eine Invasion von Arbeitskräften nach Inkrafttreten der erweiterten Freizügigkeit waren (strategam.de berichtete im Juni). Fehlgeleitet ist leider auch der Focus, den Politik und Unternehmen immer wieder auf die Hochqualifizierten lenken - tatsächlich herrscht ein mindestens vergleichbarer Mangel wie an Ärzten oder Ingeneuren auch in Ausbildungsberufen - (per definitionem ist eine Fachkraft jede Person mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung). Laut Otto Kentzler, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), gibt es Personalengpässe bei den Zulieferbetrieben für die Industrie und in einigen Regionen auch in den Bau- und Ausbauberufen. Allen gemeinsam ist, dass sie Qualität abliefern müssen und daher nur gut ausgebildete Gesellen einstellen können. Oft melden sich aber nur Bewerber mit unzureichenden Qualifikationen. Mehr und mehr seien Betriebe deshalb gefordert, Versäumnisse im Bildungsbereich auszugleichen.
Und viele Handwerksbetriebe tun dies bereits mit großen Engagement. 55 Prozent investieren bereits verstärkt in Ausbildungsaktivitäten, ebenso viele in die Qualifizierung älterer Mitarbeiter. Knapp 30 Prozent bauen familienfreundliche Maßnahmen aus.
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(Quelle: STRATEGAM Redaktion/spiegel-online.de/ZDH)