Freizügigkeit: Unternehmen hoffen vergeblich auf Fachkräfte aus dem Osten.

Die sächsische NPD versucht die Einführung der Arbeitnehmerfreizügigkeit für sich zu nutzen und startet mit einer Kampagne gegen die „Überflutung des Sächsischen Arbeitsmarktes mit osteuropäischen Billiglöhnern“ die Angstmache vor den polnischen und tschechischen Nachbarn. Wie falsch die Rechtsnationalen mit ihrer Einschätzungen der wirtschaftlichen Realität hier liegen, ist zwar nichts Neues, diesmal aber ironischerweise erschreckend. Denn Deutschland droht eine Arbeitnehmerkrise.

Deutsche Firmen mit grenznahem Sitz zu Polen oder Tschechien sehnten den ersten Mai herbei. Besonders in den gewerblich-technischen Branchen, im Maschinenbau und der Elektroindustrie, erhofften sich Betriebe durch die neuen Freizügigkeitsbestimmungen Abhilfe vom derzeit eklatanten Mangel an Fachkräften. Denn die Lage ist besorgniserregend: Innerhalb der letzten vier Jahre hat sich die Zahl der Schulabgänger im Dreiländereck halbiert. Nicht nur Fachkräfte fehlen, sondern auch Jugendliche, die sich zu solchen ausbilden lassen würden. Der Präsident des Zentralverbandes des deutschen Handwerks (ZdH) Otto Kentzler spricht von einer „Intensiven Werbung“ um jeden Auszubildenden und rührt zum Tag des Ausbildungsplatzes in Dortmund die Werbetrommel. Wie Bundesministerin für Arbeit und Soziales Ursula von der Leyen nun verkündete, werden in Deutschland bis 2023 6,5 Millionen Arbeitnehmer fehlen. „Die Politik kann bessere Rahmenbedingungen schaffen, aber jedes Unternehmen muss seine eigene Chance genau analysieren und konsequent nutzen“, erklärte Frank Mattern, Deutschlandchef beim Beraterhaus McKinsey, das die Berechnung durchführte. Doch genau dies tun die Unternehmen der Grenzregion, und zwar seit Langem. Nachdem nun seit dem ersten Mai die politischen Rahmenbedingungen für Fachkräfte aus den Nachbarländern voll gegeben sind, rufen Betriebe neue Werbestrategien ab, um junge Tschechen und Polen übers Mittelgebirge zu locken. Firmen schalten Suchanzeigen in den Lokalzeitungen grenznaher Gebiete und bieten Mitarbeitern, die noch Kollegen mitbringen, eine Prämie.

Ob die neuen Bemühungen erfolgreich sind, wird sich erst innerhalb der nächsten Monate zeigen, Anlass zur Skepsis gibt es allerdings. Bei der Öffnung gen Osten sind Deutschland und Österreich Nachzügler, viele qualifizierte Kräfte sind längst in anderen EU-Ländern tätig. Zu alldem kommt das Sprachproblem: An tschechischen und polnischen Schulen steht seit zwei Jahrzehnten Englisch als Pflichtsprache auf dem Lehrplan – Deutsch wird meist als zweite Fremdsprache gelernt und als sperrig und schwer empfunden.

Deutschland sei für östliche Fachkräfte durchaus attraktiv, behauptet Werner Sinn, Präsident des Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo, jedoch wirkt auf diese vielmehr die Magnetkraft der wirtschaftsstarken Bundesländer wie Bayern oder Baden-Württemberg. Wer ohnehin seine Heimat verlässt und Familie und Freunde hinter sich lässt, um in einem fremden Land zu arbeiten, für den kommt es anscheinend auf ein paar Hundert Kilometer mehr oder weniger nicht mehr an.


(Quelle: STRATEGAM Redaktion)

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