Gründer-Kurse haben abschreckende Wirkung.
Mit Entrepreneurship-Kursen wollen Universitäten bei ihren Studenten den Gründergeist wecken. Doch nun haben niederländische Wissenschaftler die Wirkung der Kurse untersucht - mit einem erstaunlichen Ergebnis: Die Gründerkurse senken die Lust der Studenten, sich selbstständig zu machen.
Für das Bundeswirtschaftsministerium besteht kein Zweifel: „Unternehmergeist ist lehrbar“, verkündet es in einer Informationsbroschüre. Die Förderung des Gründungsgklimas an Hochschulen lässt sich der Staat viel Geld kosten – allein in das „Exist“-Programm flossen zwischen 1997 und 2005 rund 46 Millionen Euro. Fast jede deutsche Universität, die etwas auf sich hält, bietet inzwischen Lehrangebote, die Studenten auf die berufliche Selbstständigkeit vorbereiten sollen. Auch die Entrepreneurship-Forschung boomt: Allein zwischen 2004 und 2008 sind im deutschsprachigen Raum zwei Dutzend neue Lehrstühle mit diesem Schwerpunkt entstanden.
Aber erreicht die Entprepreneurship-Ausbildung auch ihre Ziele? In einer Studie, die demnächst im renommierten „European Economic Review“ erscheint, melden drei niederländische Wissenschaftler erhebliche Zweifel an. Die Forscher haben die Effekte von Gründer-Kursen an niederländischen Universitäten evaluiert und kommen zu einem spektakulären Ergebnis: Bei Studenten, die an Entrepreneurship-Kursen teilgenommen haben, sinkt die Lust, sich selbstständig zu machen. Die Autoren der Studie waren von den Ergebnissen selbst überrascht. „Ursprünglich wollten wir herausfinden, wie stark Entrepreneurship-Kurse die Gründungsabsicht von Studenten erhöhen“, sagt Mirjam van Praag, Professorin an der Amsterdam Business School. Das niederländische Wirtschaftsministerium habe „geschockt“ auf die Studie reagiert, berichtet die Wissenschaftlerin – kein Wunder, werden doch auch in den Niederlanden Gründerprogramme intensiv staatlich gefördert. Unter Entrepreneurship-Forschern sorgt die Studie für Unruhe – denn bislang waren sich die meisten Wissenschaftler einig, dass sich die praxisnahen Gründungskurse an den Universitäten positiv auf die unternehmerischen Absichten der Studenten auswirken.
Die niederländischen Forscher untersuchten die Wirkung von Entrepreneurship-Kursen einer Fachhochschule, die in den drei Städten Breda, Den Bosch und Tilburg vertreten ist. Nur an einem Standort, in Breda, werden Entrepreneurship-Veranstaltungen angeboten. Dank dieser Ausgangssituation konnten die Wissenschaftler die kausalen Wirkungen der Kurse messen: Sie verglichen Studenten, die in Breda Gründerkurse wählten, mit Kontrollgruppen in den anderen beiden Städten. Die Seminare, an denen die Studenten teilnahmen, gehören zu einem etablierten internationalen Programm, das jährlich mehr als zwei Millionen Studenten durchlaufen. In den Kursen sollen sie lernen, die Theorie in die Praxis umzusetzen, und verstehen, was Entrepreneurship bedeutet. Um zu überprüfen, ob das gelingt, fragten die Forscher zu Beginn und am Ende des Hochschuljahres, wie die Studenten ihr unternehmerisches Wissen einschätzten und ob sie selbst später ein Unternehmen gründen möchten. Das ernüchternde Resultat: Die Studenten halten sich nach dem Besuch der Kurse nicht für potenziell geeignetere Unternehmer. Der Wunsch, ein eigenes Unternehmen zu gründen, nahm gegenüber der Vergleichsgruppe sogar ab. „Das Programm hat nicht den beabsichtigten Effekt“, fassen die Forscher ihre Ergebnisse zusammen.
Die Studie hat das Potenzial, die gesamte „Entrepreneurship-Education“, wie die Gründerlehre im Fachjargon bezeichnet wird, in ihren Grundfesten zu erschüttern. Ähnlich ernüchternde Ergebnisse für die Wirkungen von aktiver Arbeitsmarktpolitik führten in den vergangenen Jahren dazu, dass viele teure staatliche Umschulungs- und Qualifizierungsprogramme für Arbeitslose stark zusammengestrichen wurden. Deutsche Wissenschaftler, die sich auf Entrepreneurship-Ausbildung spezialisiert haben, reagieren daher beunruhigt und versuchen, die Ergebnisse der Studie zu relativieren. Der Dortmunder TU-Professor Peter Witt bemängelt, dass die Studenten zum falschen Zeitpunkt befragt worden seien. Es habe sich gezeigt, dass es „für Entrepreneurship-Absolventen sehr viel erfolgversprechender ist, erst einige Jahre Praxiserfahrung in einem Unternehmen zu sammeln und sich danach selbstständig zu machen“, sagt Witt. Schon zu Uni-Zeiten nach der Gründungsabsicht zu fragen hält er daher für wenig sinnvoll. Entscheidend sei ohnehin nicht die Gründungsabsicht, sondern „wie viele Absolventen tatsächlich eine eigene Existenz aufbauen“, urteilt Witt. Dieser Effekt sei aber nur schwer zu messen, weil deutsche Universitäten wenig über ihre Absolventen wüssten. In Amerika, wo es funktionierende Alumni-Netzwerke gebe, zeigten Studien, „dass die Entrepreneuship-Absolventen überdurchschnittlich oft und erfolgreich gründen“. Eine der wichtigsten Aufgaben der Universitäten sieht Witt darin, die Studenten überhaupt auf das Thema Selbstständigkeit aufmerksam zu machen. Diese „Sensibilisierung“ sei in der Studie nicht untersucht worden. Die Wuppertaler Professorin Christine Volkmann vermutet, dass die abnehmende Gründungsabsicht damit zusammenhängt, dass die Studenten in den Uni-Veranstaltungen einen „realistischeren Blick auf die Selbstständigkeit bekommen haben und Chancen und Risiken besser einschätzen können“. Sie ist sich aber nach wie vor sicher, dass die „Inhalte des Unternehmertums lehrbar sind“. Davon ist auch Ann-Kristin Achleitner weiterhin überzeugt. Allerdings räumt die Präsidentin des Förderkreises für Gründungs-Forschung (FGF) und Professorin für Entrepreneurial Finance an der TU München ein: Dass die Studenten ihre unternehmerischen Fähigkeiten nach dem Besuch der Kurse nicht positiver einschätzen, sei „erstaunlich“.
Für den Berliner TU-Professor Günter Faltin ist das weniger überraschend. Schon seit langem propagiert er: Kreative Köpfe mit Gründungsabsicht würden an den Hochschulen durch betriebswirtschaftliche Inhalte eher verschreckt. Gerne erzählt er die Geschichte einer Anglistik-Studentin, die ihre vielversprechende Geschäftsidee nach einem Existenzgründerkurs verworfen habe. „An der Bilanzanalyse bin ich gescheitert“, habe ihm die Studentin frustriert erzählt. „Unternehmensorganisation und Verwaltung sind elementar wichtig und müssen professionell erledigt werden“, räumt Faltin ein. Aber es gebe selten Gründer, die Kreativität und Talent zur Unternehmensverwaltung mitbrächten. Junge Unternehmen, so der Wissenschaftler, sollten administrative, verwaltende Aufgaben daher lieber auslagern.
David B. Audretsch, Direktor des Jenaer Max-Planck-Institus für Ökonomik, begrüßt die Amsterdamer Studie. Sie lenke den Blick darauf, „dass es mehrere Faktoren gibt, die den Gründergeist beeinflussen, zum Beispiel die Familie oder das soziale Umfeld“. Die Studie bestätige, dass die Möglichkeiten der Universität begrenzt seien: „Wenn einer der anderen Faktoren nicht stimmt“, sagt Audretsch, „reicht die Komponente Hochschule nicht aus, um jemanden zum Gründer zu machen.“ Wie viel Prozent der Absolventen einer Hochschule sich später selbstständig machen, sei ohnehin nicht das entscheidende Kriterium. Wichtiger sei, dass die Absolventen von Entrepreneuship-Studiengängen auch in anderen Positionen, zum Beispiel als Banker oder in der Finanzindustrie, das Verständnis für unternehmerisches Handeln verbessern. Oft würden Investoren oder Banken ein Gründungsprojekt nicht finanzieren, weil sie es nicht verstehen. „Profis mit Entrepreneurship-Ausbildung würden bessere Entscheidungen treffen“, sagt Audretsch. Darum hält er es auch für übertrieben, die Entrepreneurship-Kurse pauschal zu kritisieren. Davon hält auch die Amsterdamer Wissenschaftlerin van Praag nichts. „Wir brauchen noch viel mehr Forschungsergebnisse in diesem Bereich.“ In einem neuen Projekt untersucht sie, wie die Entrepreneurship-Kurse verbessert werden können. Wenn sie die Schwachstellen findet, wäre das Problem gelöst. Politik und Wissenschaft dürften gespannt sein.
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(Quelle: STRATEGAM Redaktion/Handelsblatt)