Der deutsche Mittelstand vermisst die Mezzannine - und sucht nach Nachfolger-Programmen.
Es waren viele neue Begriffe, die deutsche Unternehmer im Jahr 2004 lernen mussten. Preps, Mezzcap und Equinotes. Längst nicht jeder verstand ihre genaue Bedeutung, letztlich aber zählte vor allem eines: Alle standen für Varianten von Mezzanine-Kapital. Und das übersetzten viele schlicht mit: günstiges Geld aufnehmen ohne Risiko.
Bei Mezzanine-Kapital handelt es sich um Genussrechte, stille Beteiligungen oder Wandelanleihen, die einen entscheidenden Vorteil haben: Anders als gewöhnliche Kredite gelten sie als Eigenkapital und sind damit besser für die Bonität der Unternehmen.
Im Schnitt verlangen die Anbieter, in erster Linie Banken, günstige sieben bis zehn Prozent Rendite pro Jahr bei einer durchschnittlichen Laufzeit von sieben Jahren. 700 Mittelständler griffen zu, die meisten nahmen ein- bis zweistellige Millionenbeträge auf, insgesamt flossen fast 4 Mrd.Euro an die Firmen. Jetzt müssen die ersten das Geld zurückzahlen. Und eine entscheidende Frage beantworten: Wie geht es weiter?
Klar ist: Eine Neuauflage von Mezzanine wird es nicht geben. Erst erschütterte 2007 eine Reihe von Firmenpleiten und Betrugsfällen das Vertrauen der Anleger. Mit Beginn der Finanzkrise bliesen endgültig alle Anbieter ihre Pläne für weitere Mezzanine-Programme ab.
Das wirft Probleme auf. In einer aktuellen Umfrage der IKB Deutsche Industriebank unter 200 deutschen Mittelständlern mit Mezzanine-Finanzierungen gaben 60 Prozent an, eine Anschlussfinanzierung zu benötigen. Und sie hatten klare Vorstellungen, wie diese auszusehen hätte: mittel- bis langfristige Laufzeit, eigenkapitalähnlich, mit einer Verzinsung zwischen fünf und zehn Prozent und ohne Mitspracherechte der Kapitalgeber - eine Neuauflage der Standard-Mezzanine also. Doch Wunsch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander.
Geld genug ist vorhanden. Derzeit will jeder in den deutschen Mittelstand investieren. Tatsächlich wurden im vergangenen Jahr mehrere Mittelstandsfonds aufgelegt. Die Deutsche Beteiligungs AG schuf einen in Höhe von 200 Mio. Euro, Commerzbank und KfW sammelten die gleiche Summe ein, die Deutsche Bank verwaltet 300 Mio. Euro, die Sparkassen 550 Mio. Euro.
Doch die Konditionen haben sich deutlich verschlechtert. Für individuelles Mezzanine-Kapital, das als Alternative zu den Standardprogrammen gilt, werden heute Zinssätze zwischen zwölf und 18 Prozent verlangt. Zudem müssen sich Unternehmen darauf einstellen, dass die Anbieter viel genauer als in der Vergangenheit prüfen, wem sie ihr Geld anvertrauen. Und: Während der gesamten Laufzeit unterliegen die Firmen strengen Controlling- und Reportingpflichten.
Zu solchen Bedingungen wollen offensichtlich nur wenige Mittelständler Geld aufnehmen. So konnte etwa der L-EA-Mittelstandsfonds der baden-württembergischen Staatsbank erst ein Drittel der verfügbaren 500 Mio. Euro ausschütten.
Firmen mit gutem Rating können sich angesichts historisch niedriger Zinsen auch durch die Aufnahme von Fremdkapital refinanzieren. Das tat Thomas Armerding, Vorstand von Hansa-Flex. Der Bremer Hydraulikspezialist muss 2012 eine Mezzanine-Finanzierung in Höhe von 10 Mio. Euro zurückzahlen und setzt dafür weitgehend Fremdkapital ein. Das war allerdings nur möglich, weil das Familienunternehmen 2010 in eine nicht börsennotierte AG umgewandelt und das eingetragene Kapital deutlich erhöht wurde.
Wer möglichst reibungslos Geld aufnehmen will, muss früh mit den Banken sprechen. Richard Enning, Chef des Waschstraßenunternehmens Mr. Wash, muss zwischen Mitte 2011 und Ende 2012 insgesamt 25 Mio. Euro Mezzanine-Kapital zurückzahlen. Bereits Anfang 2009 ging er zu seinen Banken, um die Anschlussfinanzierung zu besprechen. Die Lösung: eine Sale-and-Leaseback-Transaktion.
Dabei verkaufen Unternehmen Maschinen oder Immobilien, um Kapital freizusetzen. Das verbessert nicht nur das Rating, die Leasingraten sind zudem steuerlich wirksam. Obendrein haben die Unternehmen nach Auslaufen des Vertrags die Option, ihre Anlagen zu einem zuvor festgelegten Preis zurückzukaufen. Allerdings sind Sale-and-Leaseback-Finanzierungen deutlich teurer als ein regulärer Bankkredit. Ähnlich wie beim individuellen Mezzanine-Kapital werden für diese Finanzierungen derzeit zweistellige Zinssätze fällig.
Eine Geldquelle, die für Mittelständler immer lukrativer wird, sind Unternehmensanleihen. An den Börsen von Stuttgart, Düsseldorf, München und Hamburg-Hannover können Unternehmen Corporate Bonds neuerdings schon im niedrigen zweistelligen Millionenbereich platzieren, zu Zinsen zwischen fünf und acht Prozent. So hat der private Klinikbetreiber Asklepios im vergangenen Herbst eine Anleihe über 150 Mio. Euro am Kapitalmarkt untergebracht. Mit dem Erlös will Asklepios bestehende Verbindlichkeiten ablösen - darunter eine Mezzanine-Finanzierung über einen zweistelligen Millionenbetrag, die Ende 2011 fällig wird.
Besonders gern greifen die Anleger bei gängigen Produkten und bekannten Marken zu. Davon hat auch Wilfried Mocken profitiert, Generalbevollmächtigter bei Underberg. Der Spirituosenhersteller gab 2004 über das Programm Preps 2004-2 Genussrechte in Höhe von 15 Mio. Euro aus.
Die Summe wird im November dieses Jahres fällig. Weitere 10 Mio. Euro aus einem Preps-Programm von 2005 muss seine Firma Valensina 2012 zurückzahlen. Dank Börsengang ist dies für Mocken kein Problem. Im April konnte der Unternehmer kurz nacheinander zwei Anleihen im Wert von jeweils 50 Mio. Euro an der Düsseldorfer Börse platzieren. Binnen wenigen Stunden waren die mit etwas mehr als sieben Prozent verzinsten Papiere überzeichnet.
Unternehmen, die an die Börse wollen, müssen allerdings einige Hürden überwinden. Da sind zum einen die Kosten in Höhe von durchschnittlich 2,5 bis 6 Prozent des Ausgabevolumens. Und da ist der Verkaufsprospekt, den die Börsenaufsicht BaFin billigen muss. Das bringt oft unerwünschte Publicity. So werden beispielsweise die letzten zwei geprüften Jahresabschlüsse öffentlich gemacht, ebenso wie laufende Rechtsstreitigkeiten oder Haftungsübernahmen für Unternehmenstöchter. Für Konkurrenten kann das eine Steilvorlage sein. Aber Geld aufnehmen fast ohne Risiko - das war einmal.
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(Quelle: FTD)